Ausgabe vom 21.11.2008 - 02:11 Uhr
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Junge Kritik: Beiträge zum Filmfestival in Cannes 2008
"Better Things"
Von Roland Koch und Franziska Jens
Ein Film von Duane Hopkins
Drogenabhängige Jugendliche tauchen regelmäßig in ihre eigene Welt ab, um ihrem tristen Leben in der ländlichen Gegend Englands zu entfliehen.
Dieses schon oft aufgegriffene Thema wird von Duane Hopkins auf eine schwer erschließbaren Weise dem Zuschauer näher gebracht.
Zu Beginn der Handlung entsteht beim Betrachter Verwirrung, durch das Einwerfen in das Geschehen, ohne Einleitung. Das schlagartige Aufeinanderfolgen von Szenen ermöglicht einem keine Zuordnung der Personen, sowie der einzelnen Schicksale.
Der Regisseur versucht durch einige Rückblicke einen Zugang zum Thema zu verdeutlichen, jedoch fällt es nicht jedem leicht diesen zu finden.
Im Laufe des Films kristallisieren sich nach und nach drei Handlungsstränge heraus. Zum einen, die in sich gekehrte Gail, die bereits versucht dem Drogensumpf den Rücken zuzuwenden. Neuen Mut findet sie bei ihrer todkranken Großmutter, die ihr zeigt ihr Leben zu genießen und darauf zu achten. Dieser wird durch Landschaftsaufnahmen, sowie ruhige klare Bilder hervorgehoben. Diese Ruhe symbolisiert den Erfolg ihres Entzugs.
Eine zweite Gruppe ist Rob und seine an einer Überdosis verstorbenen Freundin. Rob verkörpert die Hauptaussage des Filmes, denn er ist der typische drogenabhängige, gelangweilte Jugendliche. Denn er ist immer auf der Suche nach einer noch stärkeren Betäubung seiner Gefühle. Dies äußert sich in der häufigen Kameraperspektive des schnellen Autofahrens. Jedoch gibt es auch lange Nahaufnahme seines Gesichtes, welche seine Ausweglosigkeit beschreibt.
Der letzte Strang setzt sich aus der alten Frau und ihrem Ehemann zusammen. Zuerst lässt sich kein Zusammenhang zu den Jugendlichen erkennen. Aber später bemerkt man Parallelen zu den Anderen. Auch sie müssen sich noch im hohen Alter entscheiden, welchen Weg sie gehen wollen. Unterstützt wird dieser Strang durch die musikalische Unterlegung, mehr als die der Kamera.
Zusammenfassend kann man sagen, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben. Der Bezug zum Titel „Better Things“ wird am Ende sinnvoll, denn jeder Protagonist sucht für sich die „Bessere Sache“ aus.
Der Film stellt eine übertriebene Sicht auf die Realität dar und seine Langatmigkeit macht den Zugang zu ihm von Minute zu Minute schwerer.
"Das Fremde in mir"
Von Anke von Appen und Roland Koch
Völlig aus der Bahn gelaufen
Das Fremde in mir So könnte man das Leben der jungen Floristin Rebecca beschreiben. Schon in den ersten Szenen wird deutlich, wie zerrissen und durcheinander ihr Leben ist. Die unruhigen Kamerabewegungen untermauern diesen Eindruck. Eine junge Frau, vollkommen verwirrt und ziellos durch den Wald laufend, scheinbar auf der Flucht. Doch vor wem? Dazu häufige Rückblicke in das noch perfekte Leben während der Schwangerschaft, in der die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft mit dem Vater des Kindes Julian (Johann Von Bülow) näher gebracht wird, erzeugen bei dem Zuschauer Verständnislosigkeit.
Als Rebecca (Susanne Wolff) einen gesunden Jungen auf die Welt bringt, scheint ihr Glück perfekt. Doch statt der bedingungslosen Liebe, die sie erwartet hat, reagiert sie total emotionslos. Der steigende Druck löst bei ihr eine Panik aus und die Wut auf sich selbst und die Angst, ihrem Kind etwas antun zu können führt zur Flucht. Schon bei der Geburt wird die Abneigung zu ihrem Sohn Lukas offensichtlich. Sie kann es nicht mal ertragen ihn anzugucken und ist ratlos im Umgang mit ihm. Weiterhin nimmt sie Distanz zu ihrem Sohn, sowie zu ihrem Lebensgefährten Julian, der die normale, eigentlich von ihm erwartete Vaterrolle übernimmt, fällt auch in ein tiefes Loch der Ratlosigkeit. Die einzige Hilfe in dieser scheinbar auswegslosen Situation ist die Mutter Rebeccas, die ihr dabei hilft, auf behutsame Art und Weise, sich selbst zu akzeptieren.
Dieses Thema, der post-natalen Depressionen, heute noch in vielen Gesellschaften tabuisiert, wird durch diesen Film von Emily Atef vielschichtig reflektiert. Während des gesamten Filmes bezieht sie auch das Umfeld der Protagonistin mit ein und kehrt in der Schlussszene auf das zu Anfang vom Zuschauer eigentlich erwartete Bild von Mutter, Vater und Kind, wenn auch gebrochen, zurück.
"Ils mourront tous sauf moi"
Von Anke von Appen und Christian Kosslitz
Zickenterror auf russisch
Drei junge Mädchen, eine rebellisch, eine verwöhnt, eine naiv, schwören sich ewige Freundschaft. Doch diese völlig verschiedenen Charakterzüge lassen erahnen, dass diese nicht lange halten wird. Noch freuen sie sich auf eine Schulparty, aber nicht mehr lange, denn durch Katjas Schuld droht diese nicht stattzufinden. Eine Bewährungsprobe....
Die Regisseurin Valeria Gai Guermanika schafft es doch tatsächlich alle Klischees, die man mit einer Vorstadt verbindet, in einem Film zu vereinen. Da wären die aufeinander einprügelnden Schüler, die abgestumpften Lehrer, ausufernde Partys sowie die triste Umgebung und die arbeitslosen alkoholkranken Eltern. Alles Probleme, die in den Medien schon oft behandelt wurden. Alles was in dem Film geschieht ist von der ersten Minute an für den Zuschauer vorhersehbar.
Die Protagonisten werden von einer Handkamera begleitet. Durch diese Kameraführung hat man einen immerwährenden Eindruck amateurhafte Videoaufnahmen zu sehen. So verzichtet die junge Regisseurin fast vollkommen auf künstliche Mittel wie Licht und Hintergrundmusik, die eigentlich dazu dienen, den Szenen Tiefe zu geben.
Allein den jungen russischen Schauspielerinnen ist es gelungen dem Film Authentizität zu verleihen, da sie sich sichtlich mit ihrer Rolle identifizieren konnten.
"La sangre brota"
Von Franziska Jens und Roland Koch
Ein Film von Pablo Fendrik
Pablo Fendrik zeigt einen Einblick in das pulsierende, unberechenbare Leben in den Straßen von Buenos Aires und beleuchtet 24 Stunden im Leben einer argentinischen Familie.
Der gesamte Film zeichnet sich durch detailgetreue, sowie obszöne Szenen aus, welche sich durch Nahaufnahmen der Gesichter äußert. Bereits am Anfang wird der Zuschauer auf eine provozierende Art und Weise in das Milieu von Drogen und Sex eingeführt, das den Film prägt.
Schon früh zeichnen sich zwei Handlungsstränge ab, die zum Ende deutlich werden. Auf der einen Seite der Vater Arturo (Arturo Goetz), der offensichtlich bereits seinen älteren Sohn zur Flucht gedrängt hat und jetzt mit allen erdenklichen Mitteln versucht, seine Familie wieder zusammen zu führen. Dabei weicht er jedoch von seinem geordneten Leben als Taxifahrer ab. Auf der anderen Seite steht der drogenabhängige, perspektivlose Sohn, der versucht sich durch den Drogenhandel eine Flucht vor dem Vater zu ermöglichen. Beide Stränge finden ihren Höhepunkt im Zusammentreffen von Vater und Sohn.
Hier wird dem Betrachter bewusst, wie gewaltgeladen das Verhältnis von Vater und Sohn ist. Die gesamte Handlung wird durch gute schauspielerischer Leistung umgesetzt, die sich durch die Authentizität der Darsteller äußert. Die musikalische Untermalung in Verbindung mit den Alltagsgeräuschen machen es dem Zuschauer unmöglich, seine Gedanken schweifen zu lassen. Zudem lassen die persönlichen Erfahrungen des Regisseurs den Film real erscheinen, denn er selbst sieht seinen Film als ein Stück Aufarbeitung seiner Jugend.
"Les grandes personnes"
Von Christian Kosslitz
Ein stiller Wandel
Schweden, das Land der Sagen und Mythen, der Einsamkeit und des Nachdenkens. Was kann es Schöneres geben als eine Reise in dieses Land? Und genau dahin führt uns der Film von Anna Novion „Les grandes personnes“.
Albert (Jean-Pierre Darroussin) verreist mit seiner Tochter Jeanne. Es ist ein Geschenk zum siebzehnten Geburtstag. Angekommen, treffen sie in ihren Ferienhaus auf zwei Frauen, Anika und Christine. Die Handlung selbst wird aus der Sicht dieser vier Figuren erzählt. Auf einer Insel gefangen, nur mit einem Telefon zur Außenwelt, finden ihre Schicksale zusammen und driften wieder auseinander.
Dieses einfache Szenario definiert sich über Dialoge. Besonders wirkt dabei die Figur des Albert, der durch seine triviale und witzige Art, die Vaterrolle übernimmt. Bemerkenswert ist die Einbeziehung der Landschaft als Kulisse, die aber in keiner Relation zur Handlung steht. Nennenswert ist zudem die Untermalung der Handlung durch entspannende Klaviertöne und somit eine gewisse Ruhe einbringt und das Bild einer Dokumentation kreiert. So sind zu meist Landschaftsaufnahmen zu sehen, die nur von der flachen Handlung ablenken. So entsteht kein Kinofilm, sondern eine schöne Samstagabendunterhaltung mit anschließender Reiselust.
"Aanrijding in Moscou"
Von Franziska Jens und Anke von Appen
Hilft Senf gegen Ausweglosigkeit?
Die 41-jährige Matti versucht es auf diese Weise. Einerseits indem sie ihre Mahlzeiten auf einen und denselben Geschmack bringt und andererseits, um mit ihren Problemen fertig zu werden. So lässt sie alles an sich vorbeirauschen. Sie sieht in dem Senf eine Art Betäubungsmittel. Jedoch betäubt sie nicht ihre Probleme, sondern sich selbst. Dadurch ist sie nicht mehr offen für neue Erfahrungen.
Schon in der ersten Szene, eine Großaufnahme ihres Gesichtes, wird verdeutlicht, wie teilnahmslos sie ihren Alltag bestreitet. So trifft sie vollkommen abwesend auf einem Supermarktparkplatz, durch einen Unfall auf den 10 Jahre jüngeren Truckerfahrer Johnny. Dieser redet ihr schon beim ersten gemeinsamen Essen den Senf aus und gibt ihr so ihr durch die Trennung ihres Mannes verlorenes Selbstwertgefühl zurück. Christophe Van Rompaey zeigt in seinem Erstlingswerk auf gefühlvolle und zugleich witzige Art und Weise die Entwicklung der Beziehung zwischen den Charakteren und die Verwandlung Mattis selbst, von einer gedemütigten, durch das Leben gezeichneten Person zu einer offenen, ungebundenen Frau.
Während des gesamten Filmes fühlt man sich durch die realistische Umsetzung der Story mit den Protagonisten verbunden. Der Witz der Geschichte wird durch die sarkastisch geprägten Dialoge dargestellt.
Resultierend daraus kann man sagen, dass man Gefühle nicht betäuben kann, da es sonst irgendwann zu einem unkontrollierbaren Ausbruch kommt.
"Snijeg"
Von Roland Koch und Franziska Jens
Hoffnungen auf Wiederkehr nach dem Krieg
Ein altes bosnisches Dorf, abgeschottet von dem Fortschritt des 20. Jahrhunderts, teilt mit dem Zuschauer seine Trauer und Sorge um seine im Krieg verschollenen Männer.
Die kleine Dorfgemeinschaft setzt sich aus sechs Frauen, fünf kleinen Kindern und dem einzigen Mann, einem alten Imam, zusammen. Sie versuchen, nun ganz auf sich allein gestellt, ihre Existenz durch landwirtschaftliche Produkte zu sichern. Jedoch ist das anfangs nicht das Ziel aller, so reagieren einige Bewohner des Dorfes positiv auf ein Angebot eines Unternehmers, der ihnen ihr Land abkaufen möchte.
Doch die Protagonistin Alma (Zana Marjanović), hält an der Idee ihres verlorenen Mannes fest und versucht die anderen zu überzeugen.
Den gesamten Film durchzieht eine fast drückende Ruhe, die einerseits durch den Nebel, der den Anschein erweckt das Dorf zu isolieren (wie ein Einweckglas), sowie durch die karge Musik verdeutlicht wird.
Die Eintönigkeit der Handlung wird durch die starke Präsenz der Dorfgemeinschaft verstärkt. So werden oft die spielenden Kinder gezeigt und die arbeitenden Frauen, die zusammen die Tristesse der Szenen ausmachen.
Aida Begić kommen die aktuellen Geschehnisse um die Teilung Bosniens-Herzigovinas zu Gute, um das in Vergessenheit geratene Thema der Probleme der 90er Jahre in Jugoslawien wieder aufzugreifen. So zeigt sie in einer ganz eigenen Art die Schicksale nach dem Krieg, ohne Bilder der Gewalt zu verwenden.
Es gelingt ihr jedoch nicht jeden Betrachter in den Bann zu ziehen und das Mitgefühl für die Situation der männerlosen Gemeinschaft zu erwecken.
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